Sexualität und Kontaktimprovisation

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Ein Interview mit Dieter Heitkamp von Melanie Suchy. 11.7.2007

Dieser Artikel wurde im Tanzjournal 4/07 veröffentlicht.


Schule der Empfindsamkeit, Empfindungsfähigkeit oder des Zartgefühls, Sensitivität: „School of sensitivity“ überschrieb Heitkamp einen Artikel, der sich Sexualität im Unterricht von Kontaktimprovisation widmete. Er erschien 1996 in der englischsprachigen Zeitschrift Contact Quarterly. Zwei Ausgaben des Magazins behandelten in dem Jahr das Thema Sexualität und Identität. Das war neu. Obwohl es die Kontaktimprovisation (im folgenden: Contact) schon zwanzig Jahre gab und sich über die Berührung definiert. Warum erst jetzt?

Heitkamp/DH: Zwanzig Jahre lang wurde versucht, das Thema rauszuhalten. ‚Nee, wir befassen uns mit physikalischen, bewegungsdynamischen Sachen, mit Gruppen, blablabla, aber Sexualität ist tabu’. Selbst Begriffe wie steamy waren tabu bei einigen Leuten. Wörter, die sexuelle Konnotationen haben könnten.
Es war auch klar, dass es das gibt. Dass es, auf der negativen Seite, auch Übergriffe gibt: Manchmal sind Leute ‚sehr auf Leuten drauf. Wie verhält man sich als Lehrer dazu? Wie vermittelt man Nein-Sagen? Denn die ganze Philosophie ist ‚Ja, immer mit dem Fluss’.
Auf einer europäischen teachers conference in Amsterdam haben wir das Thema auf die Agenda gesetzt und mehrere Arbeitsgruppen beschäftigten sich damit. Es hing mit Entwicklungen in San Francisco zusammen, wo es Gruppen für ‚sexual healing’ gab, die Beschäftigung mit AIDS und diesen Dingen. Wir fingen mit Übungen zum Nein-Sagen an, wo wir schauen: ‚Will ich das, oder will ich das nicht. Wenn ich das zulasse – kann ich das nutzen?’ Es war keine Arbeitsgruppe Sex, sondern fragte ‚Wie gehe ich mit dieser sexuellen Energie um?’ und stellte fest, dass es im Tanz ja eine Lust-Komponente gibt, eine emotionale oder Herzkomponente. Wie kann man an die rühren, aber einen sicheren Rahmen schaffen? Mittlerweile wird das Thema Sexualität im Unterricht erwähnt, von einigen mehr, von anderen weniger.

Er spricht sexuelle Gefühle in den Übungsbeschreibungen und Ansagen an, oft ohne eine besondere Betonung, einfach als eine unter anderen möglichen Wahrnehmungen. In seinem Artikel damals, einem Workshopbericht, zeigte Heitkamp mit dem doppelten oder tieferen Sinn von Worten, wie nah Tanz, Contact und sexuelle Empfindungen einander sind, für ihn seit seinen Anfängen 1977. „Der Wunsch zu berühren und berührt zu werden in vielerlei Weise... Hunger entwickeln. Das Begehren nach Bewegung“. Und er notiert, dass es vermutlich vielen Männern und Frauen beim Contact-Tanzen schon passiert ist, dass sie erregt waren. Eine Erektion, erigierte Brustwarzen, Gerüche seien Zeichen dafür. Es sei möglich, den Tanz fortzuführen und den Partner auf Distanz zu halten, mit dem Abstand dazwischen zu arbeiten. Die Ebene der Kommunikation zu wechseln von der emotionalen, organischen, muskulären, Haut- und Kleidungsebene zur Luftenergie dazwischen.


DH: Man soll sich fragen: Kann ich die sexuelle Energie auch nutzen – nicht um Sex zu haben, sondern um Batterien aufzuladen. Es geht da eher um Transformationsprozesse. Dass man diese sexuelle Energie umwandeln kann in Energie. Wie Aggression: auch eine Energie. Benutzt du die, um andere platt zu machen, oder findest du einen Weg, sie zu verarbeiten und in etwas anderes umzuwandeln. Konstruktiv einsetzen. Wenn du in Contact mal richtig raufst, gibt das Energie, setzt was frei, bringt etwas in Gang. Was da ist, soll man nutzen!

Sind männliche und weibliche sexuelle Energie verschieden?

DH: Ich glaube, die sind in unterschiedlichen Gewichtungen in jedem vorhanden. Zu sagen, das ist männliche, das weibliche – fände ich langweilig. Es gibt sicherlich Präferenzen und erziehungs- und gesellschaftlich geprägte Bilder, die man verkörpert.

Spielt es eine Rolle im Unterricht, dass die Teilnehmer darüber reden?

DH: Auf jeden Fall. Es ist wichtig, sich auszutauschen, etwa wenn wir ‚landscape and explorer’ machen, und du testest wirklich etwas aus. 

Eine Partnerübung, bei der einer völlig oder fast völlig passiv ist und der andere mit Händen und allen anderen Körperteilen, erst tastend, dann bewegend, diese Körper-Landschaft erforscht.

Oder zwischendurch, wenn jemand zu weit geht, verbal zu sagen: Stop. Wenn die physischen Signale nicht verstanden werden, zu sagen: Hier ist Grenze. Oder festzustellen: Der andere hatte da noch keine Grenze, und die eigene Zensur setzte schon früher ein. ‚Wo hättest du mit dem Partner noch andere Sachen anstellen können?’ Da kann man mal drüber reden. ‚Da wäre ein Potenzial gewesen’. Einer sagt sich ‚Ich will den anderen nicht verletzen’, wo der andere sagt, ‚Du kannst mich noch viel mehr verbiegen oder draufhauen.’

Die oben erwähnte Ja-Nein-Übung legt Wert auf die ausgesprochenen Signale „Ja“ und „Nein“, die den Partner beim Ausprobieren und Tanzen entweder zum Weitermachen ermuntern oder an Stellen stoppen, wo es einem unangenehm wird. Wichtig ist es auch, bei sich selbst zu bemerken, ob man die Signale relativ früh oder eigentlich zu spät setzt.


Lässt sich denn das Anfassen sexuell empfindlicher Körperstellen vermeiden?

DH: Wenn du jemanden hebst, ist es wichtig, zentral zu greifen, am Schwerpunkt. Da greift man auch mal zwischen den Beinen durch, statt außen anzupacken. Der Beckenbereich ist eben eine zentrale Gegend. Du musst ja nicht voll in die Genitalien greifen. Aber wäre die Sicherheitszone 30 cm Umkreis, dann würden einige Hebungen sehr schwer. Wenn jemand zu sehr Distanz hält und nicht nah genug an die Achse rankommt, gibt’s technische Probleme.

Ist es anders beiImprovisationen mit verbundenen Augen?

DH: Diese Übung ist wichtig, denn wenn man sieht, setzen schon bestimmte Muster ein. Wie man wen einordnet. Man merkt bei geschlossenen Augen auf andere Weise, ob etwas stabil ist oder nicht. Erstmal weißt du nicht, ist das ein Arm oder ein Bein. Man fasst ja nicht als erstes an die Genitalien.

Gibt es eine Art Codex, nicht an bestimmte Körperstellen zu fassen? Oder ist Contact für Grabscher?

DH: Die Frage ist, wie Leute die Basics lernen. Wahrscheinlich werden erstmal Sachen gemacht, die technisch und simpel sind wie rolling point of contact oder Gewichtnehmen und -geben. Erstmal Bewegungserfahrungen, Spüren. Das Thema Sex kommt wohl erst später. Bei einer mir bekannten Contactlehrerin gibt es allerdings die Anweisung, mit geschlossenen Augen einen Partner zu finden und Klamotten zu tauschen. Würde ich nicht in einer Anfängerklasse machen. Erstmal geht es darum, ein Grundvokabular zu vermitteln und eine sichere Atmosphäre herzustellen, damit Leute sich öffnen und auf bestimmte Lernprozesse einlassen können.
Es gibt Ausnahmepersonen wie Marie Chouinard, die in Berlin in meinen ersten Contact-Klassen war. Ihr sprangen andauernd die Brüste aus dem T-Shirt. Das ist dann einfach präsent. Sie ist eine besondere Performerin, in ihren früheren Arbeiten, eher Performance-Art als Tanz, hat sie auf der Bühne masturbiert und so. Ein Umgang mit Körper und Sexualität, der weiter geht als bei anderen. Wenn du mit ihr getanzt hast, kamst du nicht umhin, zu merken, dass es da eine sexuelle Komponente gibt. Sie war die einzige derartige Persönlichkeit in meiner Anfangszeit. Insofern können sexuelle Aspekte durch solche Leute reingebracht werden.

Ein Amerikaner berichtete in jenem Contacter-Magazin 1996, wie er zunächst seine Tanzerfahrungen in eine Männergruppe von „sexual healing“ einbrachte und dann auch umgekehrt.

DH: So ähnlich war es mit B. S., die in meinem Kurs damals war. Sie ist auch Tantra-Lehrerin. Einmal wollten wir einen gemeinsamen Kurs fortführen, aber da hatten sich zu viele Tantra-Leute angemeldet, und ich habe ihn abgesagt, weil ich das Gefühl hatte, es geht jetzt mehr um Tantra als um Tanz. Es war nicht mein Interesse, die Recherche in diese Richtung zu bewegen. Mein Fokus war immer eher der Tanz, auch Sexualität im Tanz, aber nicht Sexualität, wo auch mal Tanz ist.


Hilft der Tanz, die Sexualität besser kennen zu lernen oder zu erweitern?

DH: Ich denke schon, dass durch Contact sich der Umgang mit Sexualität oder mit dem Partner verändern kann. So wie man übereinander rollt, oder bestimmte Sachen, die man davor vielleicht nicht gemacht hätte. Oder wenn du body work machst oder Massagetechniken, dann wird sich darüber vielleicht dein Sexualleben verändern. Durch die Qualität der Berührung. Wie du jemanden anfasst. Bei Contact geht es immer um Berühren und Berühren-lassen. Die Intention hinter beidem muss man dann näher betrachten.


Hat Kontaktimprovisation immer noch einen politischen Anspruch?

DH: Die politische Komponente wird nicht mehr propagiert. Aber erstaunlich ist, dass diese Form sich immer weiter flächendeckend ausbreitet. In Israel gibt es jetzt ein Contact-Festival, in Moskau jetzt das zweite, wohin Leute mit Zügen zwei Tage lang angereist sind, um teilzunehmen - und die werden das in ihren Regionen weitervermitteln -, selbst in Japan und Korea, auch da, wo Körperkontakt noch tabuisierter war. Allerdings eher in Stadtzentren und nicht auf dem Lande. Nur Afrika und die arabischen Länder sind noch ziemlich Contact-resistent.
Bei Festivals gibt es gigantische Mengen Teilnehmer, 250 Leute aus 50 Nationen rollen übereinander eine Woche lang in Freiburg oder Potsdam. In Argentinien gibt es täglich Jams mit hunderten. Das wird eine Gesellschaftstanzform. Mich irritiert allerdings festzustellen, dass einige Leute nur auf Jams gehen und keinen Unterricht nehmen. Für mich war Contact immer eine Form, für die man ein Vokabular lernt und erweitert und damit umgeht.


Wenn Contact nun per Workshop und Unterricht in die Welt geht, wird es zunächst um die Form gehen. Aber das Thema Sexualität wird sicherlich nachkommen und diskutiert werden?

DH: Bei meinem ersten Kurs in Israel kürzlich ging es ums Thema Contact und Grenzen. Da bin ich voll auf das Thema eingestiegen.


Einer der Autoren in Contact Quarterly schrieb damals, er habe zunächst gedacht, besser tanzen zu können mit Personen, in die er sich verliebt hatte. Das reichte aber zahlenmäßig nicht aus und so entdeckte er das Liebesgefühl im allgemeineren Sinne beim Tanzen.

DH: Ich weiß nicht, ob es ein Gefühl von Verliebtsein ist. Aber ich überrasche mich auch manchmal: Wenn ich denke, ich finde eine Person blöd, aber trotzdem gut mit ihr tanzen kann. Kann ich trotzdem noch Neugier entwickeln auf jemanden? Was ergibt sich, auf welcher Ebene findet die Begegnung statt? Ich benutze auch manchmal den Begriff Liebe, oder Liebe zum Detail, oder ‚Bist du jetzt mit dem ganzen Herzen dabei? Oder nur halbherzig?’ Das hat mit Einlassen zu tun: Lässt du dich auf diesen Tanz und diese Person ein? Oder arbeitest du mit den Grenzen, was ja auch spannend ist: den anderen permanent auf Distanz zu halten, dabei kannst du auch voll involviert sein.