Am Anfang war Berührung
From Contactencyclopedia
Kontaktimprovisation - Auswirkungen auf Körperbewusstsein,
Bewegungsverhalten und musikalische Improvisation
Heilke Bruns, 2000
“Am Anfang war Berührung ” - das sagte schon Aristoteles. Kontaktimprovisation ist eine Tanzform, die sich aus dem Spiel zwischen Berührung und Bewegung entwickelt. Wie wirkt sich diese Tanzform auf das Körpergefühl und Bewegungsverhalten aus und was hat sie mit Musikalität zu tun? Das waren die Fragestellungen eines Forschungsprojektes, das von 1997 bis 1998 an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg durchgeführt wurde. Das Buch dokumentiert das gesamte Forschungsprojekt, angefangen mit der Entwicklung der Fragestellung bis hin zur Darstellung und Diskussion der Ergebnisse. Es eröffnet spannende Einblicke in das Erleben während des Tanzens. Faszinierend ist z. B. die Erfahrung von ‘Flow’ - diesem Zustand, in dem sich das Tanzen völlig mühelos und scheinbar wie von selbst entwickelt, das Tanzen einfach Spaß macht und die Luft vor Inspiration nur so knistert. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, welchen Beitrag diese sinnliche Tanzform in unserer heutigen Zeit, die zunehmend von einem Schwinden der Sinne gekennzeichnet ist, leisten kann.
12,95 € ISBN 3 - 898 11 - 936 - X, zu bestellen in jeder Buchhandlung und im Internet unter http://www.libri.de
Contents |
Diskussion der Ergebnisse aus dem Buch
Erfahrungen von ‘Flow’
Die TeilnehmerInnen, die am Forschungsprojekt Kontaktimprovisation teilgenommen haben, beschreiben Erfahrungen von ‘Flow’. Auf den Hintergrund des Flowerlebens soll an dieser Stelle etwas näher eingegangen werden.
Die Bewegungen verselbständigen sich und hindernde Gedanken treten in den Hintergrund
Das Bewegungserleben verändert sich während des Tanzens. Es gibt einen Punkt, wo etwas umschaltet und die Bewegungen scheinbar wie von selbst passieren. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Einen interessanten Erklärungsansatz dafür ist bei der Bewegungsforscherin Cohen zu finden. Cohen kennzeichnet Kontaktimprovisation als eine Tanzform, die in besonderem Ausmaße die unteren Hirnzentren aktiviert. Bei der Kontaktimprovisation sind die Tanzenden ständig mit dem Reagieren auf etwas Unerwartetes und dem Ausbalancieren des eigenen Gleichgewichts beschäftigt, wodurch die im Hirnstamm liegenden Gleichgewichtszentren und das Kleinhirn besonders stimuliert werden. Cohen schreibt dazu: “Ich denke, Meditation, Kontaktimprovisation und die Kampfsportarten sind sehr stimulierend für die unteren Hirnzentren. Aktivitäten, die einen großen Überraschungseffekt haben oder viel mit dem ‘offbalance’ arbeiten, stimulieren diese automatischen, tieferen Reaktionen und lassen dabei die höheren Zellen frei für Kreativität und bewusste Gedanken.” Um zu verdeutlichen, wie es durch die beschriebene Stimulation des Gleichgewichtssytems zum Flowerleben kommen kann, soll an dieser Stelle dem Zusammenhang zwischen dem Gleichgewichtssystem, den vestibulären Kernen und dem Kleinhirn nachgegangen werden.
Wie in Kapitel A unter Punkt 3.2. dargestellt, werden die Informationen aus den Sinneszellen des Gleichgewichtsorganes an die vestibulären Kerne im Hirnstamm weitergeleitet. Diese sind eine Art Schaltzentrale für sensorische und motorische Prozesse, die automatisch und zum größten Teil unbewusst ablaufen. Die vestibulären Kerne stehen in Verbindung mit dem Kleinhirn, welches sich in der hinteren Region des Kopfes befindet. Das Kleinhirn kann als nebengeordnetes Kontrollorgan für die gesamte Körpermotorik angesehen werden. Alle Nachrichten aus den Sinnesorganen, also die Informationen des Gleichgewichts-, des Tast- und des propriozeptiven Sinnes werden an das Kleinhirn weitergeleitet und dort aufeinander abgestimmt. Auch die Befehle, die das Großhirnrinde an die Muskulatur gibt, laufen über das Kleinhirn und werden mit den Informationen aus den Sinnessystemen verknüpft. So werden alle Voraussetzungen für gut koordinierte Bewegungsabläufe geschaffen.
Das Erlebnis, daß sich die Bewegungen verselbständigen, ist ein Ausdruck dafür, daß in solchen Momenten die Bewegungsorganisation umschaltet. Wenn viele Informationen aus den Sinneszellen des Gleichgewichtsorganes einströmen und die Bewegungsreaktionen sehr schnell passieren müssen, ist der Weg der Bewegungsplanung über das Großhirn zu langsam und aufwendig. Viele Informationen müssen in kurzer Zeit möglichst schnell verarbeitet werden. In solchen Situationen bekommt das Kleinhirn sozusagen die Autonomie über die Bewegungssteuerung. Dadurch entsteht das Gefühl, dass die Bewegungen sich verselbständigen. Cohen drückt das folgendermaßen aus: “Ja, beim Spiel mit dem Unerwarteten muss man wach bleiben, um sich selbst zu schützen. Niedere Hirnzellen werden automa¬tisch stimuliert, wenn viele Informationen in kurzer Zeit verarbeitet werden müssen, z. B. während eines unerwarteten Falls.” Darauf sind auch die Aussagen von Heiner zurückzuführen, wenn er beschreibt, dass sich seine Körperteile “alle autonom bewegen können” und seine Bewegungen “so was Geschmeidiges und Autonomes” bekommen.
Goleman zeigt auf, dass im Zustand des Fließens die kortikale Erregung nachlässt und das Gehirn in einen entspannten Zustand kommt. In solchen Momenten ist die Aufmerksamkeit ganz und gar auf die momentane Tätigkeit konzentriert, sodaß Alltagssorgen und andere Gedanken verschwinden. Das läßt das Gefühl des ‘völligen Eintauchens’ in eine Tätigkeit entstehen. “Die schwierigsten Aufgaben werden mit minimaler geistiger Energie erledigt. Beim Fließen befindet sich das Gehirn in einem ‘gelassenen’ Zustand, Erregung und Hemmung seiner neuralen Schaltung sind auf die Forderungen des Augenblicks abgestimmt. Wenn Menschen sich mit Tätigkeiten befassen, die mühelos für eine Weile ihre Aufmerksamkeit fesseln, ‘beruhigt’ sich das Gehirn in dem Sinne, daß die kortikale Erregung nachläßt.”
Auch Straus spricht von einer “Verlagerung des Ichs in Beziehung zum Körperschema spricht”. Das Ich, das in unseren alltäglichen Handlungen zwischen den Augen repräsentiert ist, sinkt im Moment des Tanzes in den Rumpf hinunter. Das geschieht dadurch, daß beim Tanzen der Rumpf viel mehr bewegt wird, als in alltäglichen Bewegungshandlungen, wie z. B. dem normalen Gehen. Ähnliche Aussagen trifft Heiner bezüglich seines Körperbewusstseins. Er beschreibt, dass sein Körperbewusstsein “ein Stückchen runtergerutscht sei”, vom Kopf in die Arme, den Rumpf und die Beine. Auch den Zustand beim Improvisieren beschreibt er als einen Prozess, bei dem “es sozusagen runtersinkt, raus aus dem Kopf”. Es lässt sich vermuten, dass es sich hier um ein ähnliches Phänomen wie dem oben beschriebenen handelt. In Momenten von ‘Flow’ verändert sich die Wahrnehmungs- und Handlungsweise. Das reflektorisch-analytische Denken wird losgelassen und tritt in den Hintergrund, sodaß die Tanzenden oder Musizierenden ganz in ihre momentane Tätigkeit eintauchen können.
Das Zeit- und Raumbewusstsein verändert sich
Wenn die TeilnehmerInnen beim Tanzen oder Musizieren in Fluss kommen, verändert sich ihr Zeitgefühl. Sie scheinen die Zeit zu vergessen und denken weder an die Zukunft noch an die Vergangenheit. Nach Straus lässt sich die Veränderung der Zeitwahrnehmung auf das präsentische Erleben zurückführen, das dem Tanzen zugrunde liegt. Es zeichnet sich aus durch die Erfahrung, “ganz gegenwärtig, nur gegenwärtig zu sein”. Vergangenheit und Zukunft sind ausgeblendet. Es gibt keinen definierten Anfangs- und Endpunkt im Handeln, keine historische Zeit. Auch Csikszentmihalyi weist darauf hin, daß sich in Momenten von ‘Flow’ die Zeitwahrnehmung verändert. Die objektiv meßbare Zeit wird während ‘Flow-Aktivitäten’ bedeutungslos. Subjektiv erlebte Zeit und objektiv meßbare Zeit weichen deutlich voneinander ab.
Inspiration und Kreativität ereignen sich
“Flow treibt Individuen zu Kreativität und ungewöhnlichen Leistungen an”. Das hat Csikszentmihalyi durch eine Befragung von Künstlern, Ärzten, Sportlern und Wissenschaftlern herausgearbeitet. Die Menschen scheinen einen großen Drang danach zu haben, “etwas Neues zu entwickeln oder zu entdecken”. Auch die TeilnehmerInnen fühlen sich in Momenten von Flow zu musikalischen Improvisationen inspiriert. Sie bemerken, daß “die Phantasie leichter in Gang” kommt und daß “sie viel mehr danach schauen, was mit ihrer eigenen Kreativität los ist”. Sie haben die Lust entdeckt, etwas Neues und Eigenes zu produzieren. Wie läßt sich Kreativität charakterisieren und welche Umstände sind begünstigend dafür, daß ein Mensch kreativ werden kann?
Ein entscheidender Aspekt von Kreativität liegt darin, daß sie nicht planbar oder machbar ist. Sie scheint eher zu passieren, wenn die erforderlichen Umstände dafür geschaffen sind. Viele Künstler beschreiben, dass ihnen die besten Ideen in den unerwartesten Momenten kommen oder dass sie sich eine bestimmte Atmosphäre schaffen müssen, um kreativ werden zu können. Das Tanzen scheint Jonas in einen Zustand zu versetzen, in dem er besonders gut kreativ werden kann. Er hat einen letzten “intellektuellen Gedanken”, dann “sprudelt es nur noch aus ihm raus”, er ist vom “Klang berauscht” und “die Atmosphäre ändert sich” für ihn. Besonders interessant dabei ist der Ausdruck ‘raussprudeln’. Es scheint so, als ob in solchen Momenten eine Quelle der Kreativität angezapft wird. Er muß sich gar nicht groß um seine Inspiration bemühen, die Musik fließt einfach aus ihm heraus. Auch Heiner spricht davon, dass bei seinen Improvisationen “Dinge entstehen, keine Ahnung woher die kommen, es entsteht einfach”. Kreativität scheint ein Prozess zu sein, bei dem das Unbewusste eine wichtige Rolle spielt. Auch Brodbeck weist darauf hin, dass wir Kreativität “nicht einfach machen” oder “bewusst herstellen” können. Aber wir können entsprechende Vorbedingungen dafür schaffen, dass sie sich ereignen kann. “Diese Ideen kommen nur, wenn wir sie zulassen, wenn wir ihnen Raum geben. Wir müssen offen sein für die Idee.”
Eine wichtige Voraussetzung für Kreativität liegt darin, dass Bewertungen und Beurteilungen, die den kreativen Prozess behindern, in den Hintergrund treten. Das ist, wie oben beschrieben, in Momenten von ‘Flow’ der Fall. Von daher begünstigen Flowerfahrungen die Kreativität. Heiner charakterisiert den Zustand des Improvisierens damit, dass “nichts mehr beurteilt und bewertet” wird. Für Brodbeck ist es “zur Förderung der Kreativität unabdingbar, die Bewertung erst einmal auszuschalten.” Er betont die Bedeutung von Spielräumen, die geschaffen werden müssen, damit sich Kreativität ereignen kann. “Wenn man etwas Neues entdecken möchte, dann muß man erst mal eine Situation schaffen, in der ein Spiel-Raum entsteht. Ein Spiel-Raum, in dem sich etwas Neues entfalten kann.” Für Csikszentmihalyi ist “spielerisches und zweckloses Verhalten für die Entwicklung kreativer Fähigkeiten notwendig”. Nach Üexküll kann so ein Spielraum auch im Zusammenhang mit einer ‘Regression im Dienste des Ichs’ entstehen. Er weist darauf hin, dass ‘Neuentwicklungen’ nicht durch “logisch-diskursives Denken geschähen, sondern durch Regressionen im Dienste des Ichs, das heißt durch den Rückgriff auf vorbewußte metaphorische Aspekte.” Das klingt auch bei Heiner an, der beim Tanzen und bei seinen Musikimprovisationen etwas “Urkindliches” wiederentdeckt, etwas, was uns “vielleicht verloren gegangen ist oder einfach sehr verstümmelt ist, aber was absolut seine Daseinsberechtigung hat und einen enorm bereichert.”
Ein weiterer Aspekt von Kreativität liegt in dem Ausbrechen aus gewohnten Denk- und Wahrnehmungsmustern. Schon in der anderen Wahrnehmung, in dem anderen Erleben von Bewegung liegt ein kreatives Potential. In dem Moment, wo z. B. Friederike anfängt, ihre Bewegungen zu genießen, bekommen ihre Bewegungen eine neue Dimension, eine andere Bedeutung und ermöglichen ihr, den Weg von A nach B zu genießen. Rumpf hat sich in seinen Werken intensivst damit auseinander gesetzt, wie Routinen und Wahrnehmungsgewohnheiten die Ursache dafür sind, dass Menschen ihr Leben und ihre Handlungen nicht mehr spüren. Seiner Meinung nach müssen Menschen aus ihren Wahrnehmungsgewohnheiten ausbrechen, um sich und die Welt überhaupt wieder wahrnehmen zu können. Rumpf macht anschaulich, wie z. B. durch das Innehalten bei einer gewohnten Bewegung wie der des Gehens, eine neue Bewegungserfahrung möglich wird. “Diese Unterbrechung des Erwarteten erzeugt eine merkwürdige Intensität der Bewegung, des Körpergewahrens. Und das ist ein Beispiel, wie sich die Aufmerksamkeit von der Zurücklegung einer Wegstrecke auf die Bewegung selbst verlagern lässt. Solche Verlagerung entzieht Routinen Kraft.” Auch Brodbeck betont den Aspekt der neuen anderen Wahrnehmungsweise. “Wir bezeichnen eine Handlung oder ein Produkt aus folgenden Gründen als ‘kreativ’: wenn wir etwas auf neuartige Weise wahrnehmen, fühlen, erkennen oder denken.” Das erfährt auch Heiner beim Tanzen, wenn sein Körper anfängt, “etwas viel Bunteres darzustellen, als so was Eindimensionales und Langweiliges.”


